Der Kriegs-Messenger, Teil 1

Der Kriegs-Messenger, Teil 1

30. Mai, 2022

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Der Kriegs-Messenger

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Messenger bestimmen unser Leben. Wenn man die Nutzungszahlen betrachtet, stellt sich schnell heraus, dass Messenger inzwischen wichtiger sind als die klassischen Social-Media-Kanäle. Wir alle nutzen sie zur Kommunikation, privat und beruflich, und organisieren darüber unser Leben. Weil sie so wichtig sind, sind sie aber auch umstritten. Das gilt besonders für Telegram. Mehr als zwei Monate nach dem 24.02.2022 jedoch sehe ich diesen Messenger ganz anders.

Seit Beginn des Krieges war ich mehrfach in Polen und der Ukraine unterwegs, um zu helfen, zu dolmetschen und mit anzupacken. Dort ist mir der Krieg in Form von viel menschlichem Leid begegnet. Sehr viel Zeit habe ich in einem Camp für Geflüchtete an der polnisch-ukrainischen Grenze zugebracht. Hier hieß es, schnell und unkompliziert Hilfe für Geflüchtete zu organisieren. “Wo ist der Rest meiner Familie?”, “Welcher Bus fährt als nächstes in Richtung Warschau?”, “Mein Mann hat Zucker, woher bekomme ich Insulin?” solche und viele weitere Fragen wurden mir minütlich  gestellt. Antworten bekamen wir Helfer und Geflüchtete meistens über Telegram. Polnische und ukrainische Behörden hatten diverse Kanäle erstellt. Aber die meisten Channels kamen aus privaten Initiativen, wie z. B. Mitfahrbörsen und Schlafplatz-Vermittlungen und ähnlichen Kanälen auf Telegram.

Die Hilfe zu Hause in Deutschland wird meistens genauso organisiert. Diverse Städte-Kanäle bieten allgemeine Hilfe. Gleichzeitig gibt es Spezialkanäle, die etwa juristische Fragen klären oder Jobbörsen, in denen man Arbeit finden kann. Am Ende des Artikels werde ich einige dieser Kanäle verlinken.

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Zudem läuft die Kommunikation der ukrainischen Regierung und des Militärs vor allem über einen Kanal: Telegram. Allein der englischsprachige Kanal Zelenskiy Official, also der des ukrainischen Präsidenten Zelenskiy hat derzeit über 1,3 Mio Subscriber. Über den Messenger verbreitet die ukrainische Regierung News aus Gebieten, die sonst schwer zugänglich sind. Erwähnenswert sind hier auch die Kanäle von Ukraine Now, die in 6 Sprachen fortwährend News aus der Ukraine in die Welt senden. Zusammen kommen die Kanäle auf mehr als 220.000 Subscriber. Alle großen Organisationen der Ukraine kommunizieren nicht nur, aber auch über Telegram.

Während meiner letzten Reise vor einigen Tagen war ich für Plast unterwegs. Das sind ukrainische Pfadfinder, die seit Beginn des Krieges vor allem Nachschub für bestimmte Einheiten der Armee besorgen. Auch hier lief die Kommunikation über Telegram. Kurzum: ohne den Messenger mit dem schlechten Ruf geht nichts in der Ukraine. Dabei war Telegram bis zum Kriegsbeginn nicht die wichtigste Kommunikations-App des Landes. Während meines Engagements dort ist mir eine App wieder begegnet, die ich bereits von meinen Reisen vom Balkan kannte: Viber. Der lila Messenger hat dort die Rolle, die bei uns WhatsApp einnimmt. Das ist ein end-2-end verschlüsselter, sehr vielseitiger Messenger, der im Grunde die Vorzüge von WhatsApp und Telegram vereint. Allerdings erscheint es etwas undurchsichtig, wem der Dienst gehört. Ursprünglich wurde er in Israel gegründet, hat aber auch starke Verbindungen nach Weißrussland. Mehr Infos zu Viber gibt es unter anderem hier.

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Trotz dieses Platzhirschen hat Telegram seit Kriegsbeginn deutlich an Boden gewonnen. Eine persönliche Umfrage unter ukrainischen Geflüchteten ergibt ein interessantes Bild. Vor dem Krieg war Viber die unangefochtene Nummer 1. Seit Kriegsbeginn ist Telegram zur wichtigsten Nachrichtenquelle geworden. Sämtliche Behörden vom Präsidenten bis zum Dorfbürgermeister halten via Telegram Kontakt mit ihren Leuten in aller Welt und versorgen sie so auch mit News. Ukrainer untereinander nutzen jedoch weiterhin Viber zum Austausch.

Bleibt die Frage, warum Telegram seit Kriegsbeginn eine so wesentliche Rolle übernommen hat. Wieso ausgerechnet der Messenger, über den vor allem in Deutschland oft so kritisch berichtet wird? Damit beschäftige ich mich in meinem nächsten Beitrag.

Stay tuned!

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Einige Kanäle zum Thema Telegram und Ukraine:

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