Der Kriegs-Messenger, Teil 2

03. Juni, 2022

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Der Kriegs-Messenger, Teil 2

There´s an English version of this article on our Effektio blog.

Zuletzt habe ich darüber geschrieben, wie wesentlich Telegram für die Kommunikation und Nachrichtenversorgung der Ukraine ist. Heute gehe ich unter anderem der Frage nach, warum der Messenger eine so wesentliche Rolle übernommen hat. Darauf gibt es nicht die eine Antwort, aber ich stelle hier einige Vermutungen an, die gerne ergänzt werden dürfen.

  1. Das Wichtigste: Telegram ermöglicht neben Einzelchats auch Gruppen- und Broadcasting-Kanäle und zwar mit unbegrenzten Teilnehmerzahlen. Ein entscheidender Vorteil gegenüber WhatsApp. Dadurch wurde Telegram weltweit zum Zweit-Messenger für alle, die aus geschäftlichen Gründen oder für ihr Engagement in große Gruppen (many-to-many) oder eigene Broadcast-Kanäle (one-to-many) kommunizieren wollen. Das führt zu Punkt zwei.
  2. Telegram ist am internationalsten. Die >> Weltkarte der Messenger ist klar unterteilt. Im Westen dominieren WhatsApp und der Facebook Messenger, in Osteuropa ist Viber stark usw. Vor allem aber verlaufen die Grenzen zwischen den Apps entlang der Landesgrenzen. So findet ein deutscher WhatsApp-User einen griechischen Kollegen nicht in dieser App. Er müsste sich Viber installieren. Oder Telegram nutzen, denn das ist die etablierteste App, besonders wenn er international in große Gruppen oder Broadcasts kommunizieren will.
  3. Der Ruf des Rebellen-Kanals. Die technischen Möglichkeiten haben auch dazu beigetragen, dass Telegram zum Messenger des Widerstandes in autokratischen Ländern wurde. In Weißrussland, Hongkong und Iran beispielsweise sind die Proteste der letzten Jahre vor allem auf Telegram organisiert worden. Entscheidend dabei ist die Möglichkeit, anonymisiert Gruppen und Nachrichten zu erstellen und diese zu verschlüsseln. Sicherheitsbehörden hatten und haben es schwer, auf diese Dynamiken zu reagieren. So scheint die Anonymität der User tatsächlich zu halten. Eine sehr interessante Studie zum Thema Telegram und seine Rolle bei den Protesten in Hongkong 2019 gibt es überigens >>hier.
  4. Der Gründer. Ein Rebellen-Image pflegt auch Pavel Durov, Gründer von Telegram. Schon die Gründung selbst gilt als Akt des Widerstandes gegen die russischen Behörden. Durov war CEO bei vKontakte, dem “russischen Facebook” und sollte Daten von Euromaidan-Anhängern herausgeben. Er weigerte sich, musste gehen - und gründete Telegram. Als die russischen Behörden Telegram wegen seiner politischen Freizügigkeit sperren wollten, gelang es Durov, die Sperren zu umgehen. Mehr noch, er schaffte es, dass die Behörden teilweise ihre eigenen Seiten sperrten. Nicht nur die Tech-Szene musste schmunzeln. Auch behauptet Durov, dass Telegram noch nie auch nur einen Datensatz an eine staatliche Einrichtung abgegeben wurde. Diese Behauptung dürfte allerdings durch ganz aktuelle Recherchen des >>Spiegel widerlegt sein.

Dennoch, nimmt man all das zusammen, erscheint Telegram wie gemacht für einen globalen Zweit-Messenger, der mehr und mehr als Social Network und Organizing-Tool dient und immer weniger als einfacher Messenger genutzt wird.

Bleiben wir noch kurz beim Thema Politik, denn Telegram hat natürlich auch Schattenseiten, die ich hier nicht verschweigen will. Die politische und thematische Toleranz begünstigt auch Menschen und Kanäle, die man lieber umgehen würde. Von Porno über Drogen bis hin zu rechter Hetze findet sich so ziemlich alles auf Telegram. Besonders die sog. Querdenker der Corona-Proteste und die rechte Szene in den USA wurden nicht zuletzt auf Telegram zu echten Bewegungen mit großen Reichweiten. Ein anderes Beispiel führt uns wieder in die Ukraine. Hier wird Telegram natürlich nicht nur von ukrainischen Behörden und Geflüchteten genutzt. Auch die Russen nutzen die App, um Propaganda zu verbreiten. So ist es auch in Deutschland. Die einen organisieren ihren Sportverein über den blauen Messenger, die anderen ihre Nazi-Sportgruppen.

Hier zeigen sich auch immer mehr Parallelen zu Social Networks. Hier wie dort gilt der ewige Widerstreit zwischen freier Rede und deren Grenzen. Hier braucht es einen Diskurs, der Kompromisse sucht und findet. Auch in Sachen Datenschutz ist Telegram nicht wirklich auf dem neuesten Stand. Es gibt zwar die Option, Nachrichten End2End zu verschlüsseln, diese muss ich jedoch aktiv einstellen. Wirklich sicher ist das aber auch in diesem Fall nicht, da Telegram keine technischen Details veröffentlicht und wir uns so auf die Aussagen des Unternehmens verlassen müssen.

Ich persönlich denke dennoch, dass es falsch ist, Telegram zu verteufeln, wie es so oft in Deutschland passiert. Hier begegnet mir zu oft die Aussage “Telegram nutze ich nicht, da sind zu viele Nazis.” Wie wäre es mit: “Auto fahre ich nicht, dadurch sterben täglich Menschen”? Nein, beides sind Tools, technische Hilfsmittel, die uns das Leben erleichtern und viele Möglichkeiten bieten und so auch im Guten wie im Schlechten genutzt werden kann.

Zur Zeit jedenfalls hilft Telegram sehr vielen Menschen in der Ukraine, sich zu verteidigen, in Kontakt zu bleiben oder einfach zu überleben. Das ist sehr menschlich.

Für Kommentare und Anmerkungen schreibt mir auf einem meiner Kanäle 👇

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